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  • Miriam

Der Soundtrack des Lebens - Kultur als Management-Tool

Ich werde nie meine Empörung an dem Abend vergessen, als mein Mann von einem mehrtägigen Management-Training in einem schicken Hotel auf Mallorca zurückkam und mir erzählte, dass er dort intensiv gemeinsam mit seinen Kolleg*innen Lego gebaut hatte.

Ich hatte in der Zeit auch Lego gebaut – leider unbezahlt und zu Hause in Norddeutschland, auf dem Fußboden des Kinderzimmers.

Versteht mich nicht falsch, ich finde (wenn man nicht gerade barfuß darauf tritt) Lego toll! Und als mein Mann mir erzählte, was es mit „Lego serious play“ auf sich hatte, erschien mir das auch sofort einleuchtend. Ich habe nur zeitgleich gedacht: Boah, was könnte man erst mit Musik auf dieser Ebene bewegen – und warum macht das keine*r?!

Es war die Zeit, in der ich nach meiner Zeit als Opernsängerin in Berlin noch einmal ein Studium absolvierte (mein drittes), um möglicherweise Musiklehrerin zu werden. In den Gesprächen mit meinem Mann wurde ich den Eindruck nicht los, dass in seinen Management-Büchern in etwa das gleiche stand, wie in meinen Pädagogik-Schinken. Nur die Zielgruppe war eine andere. Es ging um Motivation und wie sie gesteigert werden kann, Kreativität und wie sie gefördert werden sollte, sowie Gruppenarbeit (im Management-Kontext: „Teamwork“) und deren sinnvollen Einsatz. Es ging überhaupt sehr viel um Sinnstiftung und den Beitrag, den dabei kulturelle Bildung einerseits bzw. Arbeit in einem Unternehmen andererseits für die Menschen zu leisten im Stande ist (oder sein sollte). Jede Menge Parallelen – nur in der finanziellen und gesellschaftlichen Wertschätzung und Wahrnehmung driftete die Materie stark auseinander.



Das Nachdenken darüber ließ mich nicht los. Im Zuge der Digitalisierung und dem wachsenden Trend zu New Work in den Unternehmen wird immer häufiger davon gesprochen, dass Kreativität, Team- und Empathie-Fähigkeit sowie flexibles Problemlösen die Kernkompetenzen sind, die zukünftig in den Unternehmen gefragt sind. Hierarchien werden flacher und für jüngere Mitarbeiter*innen steht weniger ein exorbitantes Gehalt auf dem Wunschzettel ganz oben, als vielmehr die Suche nach Selbsterfüllung und Sinnhaftigkeit im Berufsleben. Hier schließt sich der Kreis für mich. Denn wenn musikalische und kulturelle Bildung an sich etwas kann, dann ist es genau das, was in diesem letzten Absatz beschrieben wurde.

Wir Musiker*innen liefern den Soundtrack des Lebens.

Wir können so viel mehr, als „nur“ singen, Geige spielen oder Chor leiten. Wir können gut zuhören, schnell auf andere reagieren, andere mitreißen und anführen, wir können Menschen glücklich und ausgelassen machen oder melancholisch und nachdenklich stimmen. Wir sind Spezialist*innen dafür, unsere ganz persönliche Sicht auf die Welt mit musikalischen oder darstellerischen Mitteln zu äußern.

Wer kennt sich mit Kreativität und Veränderung, mit Emotionen und Hingabe aus, wenn nicht wir? Wer schafft es wie wir, auch die größten Individualisten in einem Ensemble (zumindest zeitweise) harmonisch zusammenzufügen? Und bestimmt gibt es noch viel mehr Fähigkeiten aufzuzählen...

Im Rahmen meines „Neustart Kultur“ Stipendiums (ausgeschrieben von Kultur-Staatsministerin Dr. Monika Grütters) kann ich nun endlich das Projekt Neue Auftrittsmöglichkeiten und Betätigungsfelder für Musiker*innen und Musikvermittler*innen in Zusammenarbeit mit Unternehmen“ durchführen. Wenn es läuft wie geplant, habe nicht nur ich etwas von diesem Stipendium, sondern auch andere Musiker*innen, die sich daran beteiligen können, dass etwas Neues entsteht.

Mein Wunsch und Ziel ist es, die beiden „Welten“ – Kunst und Kultur auf der einen, Wirtschaft auf der anderen Seite – stärker miteinander zu verbinden.

Wirtschaftsunternehmen sind immer stärker darauf angewiesen, das kreative Potenzial ihrer Mitarbeitenden zu nutzen und wertvolle Arbeitskräfte durch eine inspirierende und persönlich bereichernde Unternehmenskultur langfristig an sich zu binden. Gleichzeitig verschwinden die Angestellten durch die Corona-Krise immer mehr im Homeoffice und neue Anlässe, zumindest ab und zu noch ins Büro zu gehen, sind dringend gesucht.

Andererseits sind wir Musiker*innen gerade ohnehin gezwungen, neue Wege zu denken und zu gehen als bisher.

Wir Kulturschaffenden sagen: „Kultur ist systemrelevant“. Wir wollen, dass die Gesellschaft uns und unser Können wertschätzt. Ich schlage vor: Lasst uns noch näher rangehen, mitten rein in die Unternehmen. Lasst uns dort für „Mehrwert“ sorgen, indem wir das, was wir gelernt haben und besonders gut können, was uns auszeichnet, zur Verfügung stellen.

Nein, es geht nicht darum, beim Firmenjubiläum zu muggen. Das ist auch willkommen, aber das gibt es schon.

Firmen gönnen ihren Mitarbeitenden Massagen und Kicker-Tische, sie veranstalten kreative Lego-Workshops und schicken Manager*innen zum Bogenschießen. Da können wir Musiker*innen doch mithalten?! Sinn stiften, Ausdrucksmöglichkeiten eröffnen, Teams durch gemeinsames Singen oder Trommeln oder was auch immer stärker zusammenschweißen. Auch mal für Entspannung oder einen freien Kopf sorgen, Zugang zu im Büroalltag verschütteten Emotionen schaffen.

Ich traue uns Musiker*innen das zu!

Dafür suche ich jetzt Eure Unterstützung.

Was habt Ihr Musik- oder Kulturschaffenden für Ideen, die Ihr konkret in Unternehmen anbieten könntet? Vielleicht könnt Ihr Vorträge und Diskussionsrunden über Motivation oder den Zugriff auf Emotionen halten. Trommel-dich-frei-Kurse geben, die Firmenband coachen, Klangreisen oder Impro-Sessions für die Mittagspause gestalten, Einblicke in Eure Arbeitsweise mit praktischen Beispielen geben. Was bringt Euch dazu, hoch engagiert zu arbeiten, auch wenn die Bezahlung manchmal nur mäßig ist – Euch fällt sicher noch viel, viel mehr ein dazu, wie wir zu einem angenehmeren und produktiveren Arbeitsumfeld beitragen können.

Und Ihr, die Ihr in Unternehmen arbeitet: welche Probleme brennen Euch konkret unter den Nägeln? Was würde Eure Arbeit erleichtern? Was motivieren und Stress minimieren? Was dazu beitragen, dass Ihr zwischendurch mal auftanken und Kraft schöpfen könnt? Denn das ist ja für kreatives Arbeiten und Problemlösen elementar.

Ich möchte beide Seiten in diesem Experiment – meinem Projekt - zusammenzuführen.

Nein, das sollen keine Kostenlos-Angebote werden. Ich möchte neue Arbeitsfelder für Kulturschaffende erschließen. So viel Talent liegt zur Zeit brach.

Also schreibt mir doch bitte,

1.) ob Ihr Interesse hättet, mitzumachen und

2.) was Ihr Unternehmen anbieten könntet, allein oder auch im Team

3.) vor welchen Herausforderungen Ihr in Euren Unternehmen steht

4.) was Euch generell Hilfreiches oder Bedenkenswertes einfällt, das Projekt betreffend

Ich wünsche mir (und Euch), dass spannende neue Möglichkeiten entstehen. Versprechen kann ich nichts, aber jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt!


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© 2020 by Miriam Meyer - Gesangsunterricht und Stimmtraining in Hannover