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  • Miriam

Steinzeit - Plädoyer für Deine Ecken und Kanten

Ich stehe schon wieder am Strand und höre und sehe den tosenden Wellen der Nordsee zu. Ich kann sie sogar schmecken und riechen, ihre Wucht und Kraft spüren, wenn ich mich an den Wellensaum stelle. Es ist herrlich. Die Füße in Wasser und Sand, den Kopf in den Wolken - und wieder beginnen die Gedanken zu fliegen.


Ich bewundere die endlos vielen, wunderschönen, bunten Kiesel, die in allen Farben und Größen am Strand liegen. Jeder einzelne ein kostbares Kleinod, wie es mir scheint. Sie fühlen sich auch toll an. Kühl und feucht, wenn sie gerade noch von einer Welle umspielt wurden, warm und weich, nachdem sie eine Weile in der Sonne gelegen haben. Ich mag diese Steine. Sammle die schönsten auf, um sie als Erinnerung an diese perfekten Tage mit nach Hause zu nehmen.


Ich denke: all diese unzähligen, wunderschönen Kiesel hat das Meer so zurechtgeschliffen. Sie gewälzt und gedreht über Jahrtausende, Jahrmillionen wohl gar, bis sie so rund und perfekt aussehen und sich anfühlen, wie ich sie gerade erlebe. Nicht nur ich - eigentlich bleibt jede*r hin und wieder stehen, bückt sich, sammelt auf, betrachtet und fühlt, steckt in die Hosentasche. Wir sind alle hingerissen von dieser Schönheit. Ich überlege, ob nicht auch wir, so wie die Steine durch die Wellen, durch das Leben zurechtgeschliffen werden, im Laufe unseres Lebens immer perfekter werden durch alles, was uns widerfährt. Mit zunehmendem Alter bleibt immer mehr von unserem wahren Kern zurück, den Rest schmirgelt das Leben zurecht. Eine schöne Metapher ist das, denke ich. Jedenfalls zuerst.


Dann kommen mir Zweifel. „Das Leben schleift uns zurecht.“ Möchte ich vom Leben zurecht geschliffen werden? Möchte ich nicht viel eher, dass ich meine Ecken und Kanten, meine Runzeln und Wülste, meine stumpfen Stellen und Schrunden, gar Narben behalten und voller Stolz auf Geleistetes tragen und zeigen darf?


Und irgendwie merke ich, ich werde ärgerlich auf dieses tosende, nimmer müde werdende Meer, das die Steine dreht und wendet, hin und herschleudert, sie unermüdlich reibt, bis am Ende immer kleinere Kiesel und Sandkörner daraus werden. Wunderschön, aber in der Form doch ganz schön ähnlich alle miteinander, denke ich plötzlich.


Und dann werde ich ärgerlich auf mich, die ich das Meer und die schönen Steine nicht einfach genieße, sondern so lange suche und grüble, bis es irgendwie kaputtgegangen ist, nicht mehr richtig funktioniert. Ich stelle fest, ich habe ihm eine Bedeutung zugemessen, etwas hineininterpretiert, in die unschuldige Natur, die ja nun gar nichts dafür kann, dass ich sie mit meinen Konstrukten überfrachte.


Ich drehe den Spieß probehalber einfach um.


Wenn nun das Meer gar nicht das Leben symbolisiert, sondern uns Menschen - denn wir Menschen „machen“ ja in den allermeisten Fällen dieses Leben, unser Zusammenleben, passt das Bild dann nicht viel besser? WIR schleifen unsere Mitmenschen ab, bis sie in unsere Schablonen passen, bis sie nicht mehr anecken, bis sie von allen die ihnen zustehende Anerkennung bekommen, uns nicht mit ihren Ecken und Kanten überfordern. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen, rieselt mir wie der Sand vom Strand aus den Haaren - so sieht´s wohl aus.


Ich setze mich in Bewegung, laufe den Strand ein weiteres Mal, jetzt ganz aufgeregt, auf und ab. Vielleicht entdecke ich hier doch noch Schrunden, Risse, Löcher, Bruchkanten...

Und tatsächlich: es gibt sie. Wenn ich genau genug hinsehe, gibt es sogar ganz schön viele davon. Sie stechen nur nicht so ins Auge. Die Suche nach “Lochsteinen”, “Hühnergöttern” wird nun meine große Leidenschaft. Ich freue mich über jeden einzelnen wie eine Schneekönigin. Sie sollen auch Glück bringen, die Hühnergötter... Wenn ich barfuß über die Steine laufe, sind die spitzen übrigens die, die ich am ehesten bemerke ;-) Ich gebe deshalb besonders Acht, wohin ich trete.


Die runden Kiesel unten in den Wellen finde ich noch immer wunderschön. Aber ich nehme mir fest vor, noch mehr als bisher alle Menschen darin zu bestärken, sich nicht zu sehr von der großen Masse „abschleifen“ zu lassen, sondern den eigenen, unverwechselbaren Weg mutig zu verfolgen.


Für deine ganz persönliche Stimme als tiefen Ausdruck deiner Persönlichkeit gilt das natürlich in besonderem Maße!

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© 2020 by Miriam Meyer - Gesangsunterricht und Stimmtraining in Hannover