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  • Miriam

Warten – ohne Zeit zu verlieren

Was haben wir in der letzten Woche gewartet, bis endlich das Ergebnis der Wahl in den USA feststand! Vier oder fünf Tage, die gefühlt eine Ewigkeit dauerten. Und wie lange warten wir schon, dass es endlich einen Impfstoff gegen dieses Sch...-Virus gibt, das uns blockiert, damit wir wieder in unser gewohntes Leben zurückkehren können!

Wir haben hier zu Hause gestern Abend den Film „Terminal“ mit Tom Hanks gesehen. Tom Hanks alias Viktor ist aus seinem fiktiven Heimatland nach New York geflogen, um dort ein Versprechen einzulösen. Während seines Fluges ist in seiner Heimat politisches Chaos ausgebrochen, so dass seine Papiere bei der Ankunft keine Gültigkeit mehr haben. Er kann weder zurückfliegen, noch darf er nach New York einreisen. Monatelang ist er dazu verdonnert, im Flughafen-Terminal auszuharren, zu warten, ohne Geld, anfangs ohne ein Wort Englisch, nur mit seinem Koffer in der Hand.

Als rechtschaffener Bürger hält er sich an alle ihm auferlegten Regeln, unternimmt keinen Fluchtversuch, stiehlt nicht, tut niemandem etwas zuleide. In guter Hollywood-Manier gibt es natürlich ein Happy End, aber im ersten Drittel des Filmes haben wir allesamt uns gefragt, was denn daran bitteschön eine Komödie sein sollte. Wahrhaftig nicht das, was wir uns zu Pizza und Wahlparty vorgestellt hatten. Allzu oft blieb uns das Lachen im Halse stecken. Naja, eigentlich genau das, was eine richtig gute Komödie ausmacht, das Balancieren am Abgrund.



Was hat jetzt Viktors Geschichte mit uns zu tun?

Viktor sieht im Fernsehen die Bilder von der Zerstörung in seiner Heimat, weiß nicht, wie es Freunden und Familie geht. Am Flughafen findet er nicht einmal die einfachsten Bedürfnisse erfüllt. Kein Bett, nichts zu essen, kein Geld, um etwas zu kaufen, keine Möglichkeit, sich zu verständigen. Dafür jede Menge Ungewissheit: wie lange wird diese Situation wohl dauern?

Ungewissheit – das ist es doch auch, was unser Leben zur Zeit so anstrengend macht.

Ich überlege, was es denn war, was Viktor in dieser schrecklichen Situation geholfen hat.

Zunächst kümmert er sich ums Überleben. Er sucht sich einen abgelegenen Platz auf einer Baustelle, an dem er schlafen kann. Er baut sich mit Hilfe seines Taschenmesser-Werkzeugs eine Art Bett. Er sammelt kostenlose Cracker und Senf-Tütchen, um etwas essen zu können. Er hält Routinen aufrecht, steht jeden Tag auf, wäscht und rasiert sich, achtet auf sein Äußeres. Er sammelt Gepäckwagen ein, und vom Wagen-Pfand kann er sich schließlich etwas zu essen kaufen. Etwas zu essen und zwei Exemplare desselben Buches: eines auf Englisch, eins auf Russisch – so bringt er sich die fremde Sprache bei.

Viktor ist äußerlich wirklich ein armes Würstchen. Aber er bleibt sich selbst treu, seiner freundlichen, überaus hilfsbereiten Art. Er verliert nicht den Blick auf die anderen rund um ihn herum, und wo er sich nützlich machen kann, tut er es. So findet er Freunde. So findet er schließlich sogar einen richtigen Job.

Und außerdem: Viktor hat ein Ziel! Er hat (Grund seiner Reise) ein Versprechen gegeben und will das unbedingt in New York einlösen. Dieses Ziel hilft ihm neben den bereits beschriebenen Punkten, durchzuhalten. Dieses Ziel ist es ihm wert, Monate der Ungewissheit durchzustehen. Jeden Tag wieder aufzustehen und ihn so sinnvoll wie möglich zuzubringen. Soviel Leben in seiner Situation möglich zu machen, wie es nur irgend geht. Nicht zu hadern mit dem, was fehlt, sondern sich darauf zu konzentrieren, was da ist.

Ja, ist schon klar. Hollywood. Weichspüler.

Gerade wir Musiker*innen leben normalerweise davon, Menschen zu berühren und so ihr Leben zu verändern. Wirksam zu verändern. Daran glaube ich.

Ich habe Kraft aus dem Film geschöpft. Ich war (und bin noch) sehr berührt, und ich bin gewillt, noch stärker hinzusehen, wo ich auch in dieser Zeit mit dem, was ich kann, nützlich sein kann. Mein Ziel ist, nicht schwächer aus dieser Zeit herauszugehen, als ich hineingegangen bin. Ich lerne, lerne, lerne, lese in jeder freien Minute, tausche mich mit Freunden, vor allem aber auch mit Menschen aus, die ich bisher noch nicht kannte. Versuche, diese Zeit als Investition in die Zukunft zu begreifen und meinen Blick auf das zu lenken, was da ist.

Keine Frage, das gelingt nicht an jedem Tag gleich gut. Mir ist bewusst, dass es für viele von uns vor allem finanziell (freundlich gesagt) gerade schwierig ist. Mir ist aber auch bewusst, dass ich alles besser ertragen kann, wenn ich das Gefühl habe, aktiv etwas gestalten oder tun zu können. Und da findet sich immer etwas.

Wenn Du mir schreiben möchtest, wie es Dir in dieser Zeit geht, oder wenn Du Austausch suchst, dann meld Dich doch gerne. Ich freue mich!

stimmerfolg@miriam-meyer.de

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