Suche
  • Miriam

Wieviel Üben ist notwendig? Wie wir auch mit kleinen Schritten viel erreichen.


Ich bin mir sicher: Nie wurden Friseur*innen in Deutschland mehr vermisst als in Zeiten des Corona-Lockdowns.

Der ja nun gerade das Gegenteil von „Locken down“ bedeutet. Unser Haupthaar wächst und wächst, und zusammen mit der Tatsache, dass wir uns alle nur in großen Zeitabständen sehen, drängt es sich in unser visuelles Bewusstsein und hängt uns in den Augen.

Ein Haar wächst pro Tag 0,3 - 0,5 mm, das sind 12 – 15 cm pro Jahr. In siebzig Jahren ergibt das beeindruckende 8,4 – 10,5 Meter!

(Ich überlege mir gerade, was uns das über Rapunzel verrät: Ihr Haar, an dem der Prinz in den Turm hinauf kletterte, um sich unsterblich in sie zu verlieben, war – so steht es bei den Grimms - zwanzig Ellen lang. Zwanzig Ellen, das sind umgerechnet 22,86 Meter. Das heißt, als sie den Prinzen kennenlernte, muss sie deutlich über 140 Jahre alt gewesen sein, und die Hexe setzte nicht etwa ein hübsches junges Mädchen in der Einöde aus, sondern eine mit Zwillingen schwangere Greisin... aber das nur am Rande.)



Was hat das mit dem Thema zu tun?

Haare wachsen jeden Tag ein winziges Stückchen. Nichts kann sie daran hindern oder sie aufhalten. Mit ihrem halben Millimeter mehr pro Tag machen sie übers Jahr ordentlich Strecke, wie uns dieser Tage schmerzlich bewusst wird.

Das ist ein ganz wunderbares Bild dafür, was auch wir mit minikleinen Schritten schaffen könnten, wenn wir nur jeden Tag einen in eine bestimmte Richtung oder einem uns wichtigen Thema machen würden.


49 StimmErfolg Alltagstipps, das Buch

Nehmen wir mal als Beispiel mein Buch, die „49 StimmErfolg Alltagstipps“.

Das passt gleich in zweierlei Hinsicht, denn erstens ist es auf genau diese Art entstanden: Über einen bestimmten Zeitraum hinweg habe ich täglich einen neuen Tipp geschrieben, nötiges Hintergrundwissen recherchiert, mir eine passende Übung überlegt oder aus meinem Übungs-Repertoire ausgesucht. Manchmal habe ich auch zwei oder drei Tipps an einem Tag geschafft und dafür ein Wochenende frei gemacht. Über die Wochen hinweg ist das Buch so gewachsen – in kleinen Einheiten. Mehr Zeit war nicht übrig: Kinder waren im Homeschooling zu betreuen, meine Schüler*innen im Online-Gesangsunterricht, und selber üben wollte ich schließlich auch noch.


Üben

Das führt mich zum zweiten Punkt, „üben“ ist das Stichwort. Das Buch ist bewusst so geschrieben, dass man die darin enthaltenen Übungen auch machen kann, wenn man nicht wahnsinnig viel Zeit hat, sich täglich mit seiner Stimme zu beschäftigen. Es ging mir darum, bewusst zu machen, was jede*r einzelne im Alltag tun kann, um sich und seiner Stimme etwas Gutes zu tun.

Häufig ist es doch so: Wir wissen, wie gut es wäre, dies oder das regelmäßig zu üben. Aber dann scheitern wir an unseren eigenen Ansprüchen. Wir denken, „Naja, eine halbe Stunde sollte es schon sein.“ Nur leider haben wir diese halbe Stunde gefühlt nicht übrig. Oder können uns nicht dazu aufraffen, fehlt uns die notwendige Energie.

Eine kleine Stimm- oder Atemübung, die sich auch beim Bügeln oder an der Bushaltestelle durchführen lässt, hat da größere Chancen. Und jeden Tag diese fünf oder vielleicht auch nur drei Minuten einzuschieben, achtsam mit sich und seiner Stimme zu sein, das schafft wirklich jede*r.

Wenn wir nur dieses Mindestmaß durchhalten, haben wir innerhalb einer Woche 30 – 35 Minuten an Stimmtraining geschafft. Das ergibt übers Jahr sage und schreibe 30 Stunden. Nicht schlecht, oder?!


Routinen schaffen

Wir können unsere Chance, das tatsächlich so durchzuziehen, übrigens steigern, indem wir unser Mini-Stimmtraining an ein anderes tägliches Ereignis koppeln.

Wir können uns z.B. nach jedem morgendlichen Zähneputzen einen Stimmtipp vornehmen. Oder einfach ein kleines Lied auf dem Weg zur Arbeit im Auto singen. Wir können fünf Minuten an unseren Nachmittagskaffee anhängen und eine Atem- oder Entspannungsübung machen. Wir können an jeder roten Ampel Tipp 21 üben – der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt. Aber diese Mini-Einheit sollte Teil unserer Routine werden. So, wie wir nicht übers Zähneputzen nachdenken, werden wir dann auch irgendwann nicht mehr über die angehängte Übung nachdenken – das ist das Ziel.

Für diejenigen unter uns, die ohnehin länger jeden Tag üben, ist die „Mini-Schritte“-Methode übrigens auch anwendbar.

Vielleicht gehört Ihr ja zu den ganz gewissenhaften und disziplinierten Übern und habt kein Problem damit, auch die Dinge regelmäßig zu beackern, die zwar effektiv, aber doch eher unangenehm oder langweilig sind.


Koloraturen

Für mich sind das beispielsweise Koloratur-Übungen. Ich weiß, es wäre gut, sie täglich zu machen, aber ich kann mich einfach nicht dazu aufraffen. Stattdessen fange ich erst an, wie verrückt Koloraturen zu üben, wenn ich sie für ein Konzert-Programm benötige. Dann bin ich gestresst, durchlaufe den üblichen Zyklus von „Sch...! Wie soll ich das schaffen?!“ bis „Okay, wenn ich mich zusammenreiße, wird’s schon gehen.“, und übe tage- oder wochenlang angestrengt immer wieder dieselben Takte.

Das ließe sich vermeiden, wenn ich täglich fünf, vielleicht sogar nur drei Minuten konsequent einige effektive Übungen machen würde. Deshalb hier nun der Trick: Ich habe mir einen Band mit Marchesi-Vokalisen besorgt. Er steht auf meinem Notenpult am Klavier, und wann immer ich mich einsinge, hänge ich hinten dran ein oder zwei dieser halsbrecherischen Übungen. Das dauert sogar nur zwei Minuten.

Ich habe erst vor kurzem damit begonnen, aber tatsächlich zahlt sich auch hier das stumpfe Dranbleiben aus, und ich merke Verbesserungen. Und wie es so ist, mit der Verbesserung kommt der Spaß.


Die Zeit arbeitet für uns

Auch völlig klar: Opernsänger*in wird man nicht mit fünf Minuten Stimmgymnastik jeden Tag. Dafür brauchen wir andere Methoden, Gesangsunterricht und auch ein größeres Übe-Pensum. Und nein, dieser Weg ist auch nichts für Aufgaben, die dringend und innerhalb einer bestimmten Frist erledigt werden müssen.

Aber für die Dinge, die uns eigentlich wichtig sind und trotzdem gerne „hinten runter fallen“, weil wir sie vermeintlich aus Zeitmangel nicht im Alltag unterbringen können, funktionieren die Mini-Einheiten prima. Wir können kontinuierlich Vokabeln lernen oder all die Bücher lesen, die wir schon immer lesen wollten. Stück für Stück.

Wichtig ist das Bewusstsein dafür, dass wir, wenn wir nur dranbleiben, täglich diese Mini-Einheiten durchzuführen, mit der Zeit ganz schön viel schaffen.

Wow, was für ein schöner Gedanke! Die Zeit arbeitet nicht gegen uns, sie arbeitet für uns.


Was kannst Du jetzt gleich tun?

Du kannst Dir z.B. Dein StimmErfolg-Buch schnappen (oder es hier bestellen) und Dir überlegen, wann Du ab jetzt immer Dein tägliches Stimmtraining machen willst. Oder wann Du die fünf zu lernenden Englisch-Vokabeln in Deinem Alltag unterbringst. Oder eine neue Hochsteckfrisur übst. Deine Möglichkeiten sind grenzenlos.

190 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen