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  • Miriam

Gesangsunterricht und Stimmtraining: Hemmungslos und lustvoll

Singen zu Hause

Als ich noch Medizin studierte, wohnte ich in Zimmer 537 im Studentenwohnheim direkt in der Einflugschneise des Rettungshubschraubers an der Medizinischen Hochschule Hannover. Mehrmals am Tag gab es einen Höllenlärm, wenn er direkt über mein Zimmer im obersten Stockwerk knatterte.

Niemanden schien das sonderlich zu stören. Klar, ging ja auch um Menschenleben.

Ich dagegen, die ich ab und zu ein bisschen zwischen den Stahlbetonwänden sang, um mich auf die Aufnahmeprüfung vorzubereiten, sah mich eines Tages mit einem Aushang am Schwarzen Brett direkt neben dem Eingang im Erdgeschoss konfrontiert.

Darauf stand: „An die Nachtigall aus dem 5. Stock: Wer’s nicht kann, der soll es lassen.“



Meine Mitbewohnerin, die mitleidige Seele, entfernte zwar diesen hintertückischen Anschlag bevor ich ihn sah, konnte sich aber natürlich nicht verkneifen, mir brühwarm davon zu berichten.

Damit hatte sich das Singen im Studentenwohnheim für mich erledigt. Fortan fuhr ich zum Üben in die Musikhochschule oder verschob es auf das Wochenende bei meinen Eltern.

Zuverlässige Begleiter war für lange Zeit eine innere Stimme, die mir zuflüsterte: „Wer’s nicht kann, soll’s lassen“, sobald ich Gefahr lief, gehört zu werden oder hohe Töne zu singen.


Ziemlich blöd eigentlich, wenn man Sängerin werden will.


Hemmungen, laut zu werden

Warum ich das erzähle? Weil viele Schüler:innen, die zu mir in den Gesangsunterricht oder zum Stimmtraining kommen, am Anfang (oft unbewusst) Hemmungen haben, richtig laut zu werden oder mutig hohe Töne zu singen.

Immer wieder passiert das: Da steht jemand vor mir und hat eigentlich alles, was gebraucht wird: eine gesunde, schöne Stimme, Höhe, Tiefe, Musikalität, Intelligenz, gutes Gehör...

Wir beginnen mit Einsing-Übungen in mittlerer Lage und mittlerer Lautstärke, und alles ist fein. Irgendwann werden die Töne höher, und wir verlassen den Stimmbereich, in dem man „mal eben so singt“.

Und zack! Wird der Klang amputiert.

Die eine Hälfte, und zwar ausgerechnet die, die für Obertöne, Glanz und Volumen zuständig ist, wird einfach abgeklemmt oder festgehalten.


Kiefergelenke wandeln sich zu Schraubstöcken. Die Zunge, dieses hinterlistige Wesen, entwickelt ein Eigenleben, und verstopft wie ein Korken den Hals. Der Körper mutiert zum Stahlkorsett und raubt uns den Atem.

Fest zusammengeschweißt ist diese unheilige Allianz von Gedanken wie:

„Wenn das einer hört!“ oder

„O Gott, ist das peinlich!“ oder auch

„Was denken die anderen von mir?“


Hörbar werden

Dinge, die man noch nicht kann, muss man üben. Singen oder klangvoll sprechen lernen bilden da keine Ausnahme. Es geht gar nicht anders: Wer sich stimmlich bewusst betätigt, wird hörbar und fällt dadurch auf. Aber wer versucht das zu vermeiden, boykottiert sich selber.

Singen lernen erfordert Mut, denn es bedeutet, auch mal komische Töne zu produzieren. Fehler in Kauf zu nehmen. Wobei jeder „Fehler“ im Grunde nur ein Wegweiser ist, es beim nächsten Mal anders zu probieren.


Oft höre ich, man wolle (z.B. beim Üben zu Hause) niemanden stören mit dem eigenen Gesang. Als rücksichtsvoller Mensch kann ich das gut verstehen. Aber die halbe Stunde oder Stunde, die man übt: Ist die wirklich so eine Zumutung? Oder sind nicht vielleicht die Nachbarn, die das nicht aushalten können, die Zumutung?


Die Falle Perfektionismus

Wir wollen uns nicht mit einer vermeintlichen Schwäche, einer nicht perfekten Leistung, angreifbar machen. Ich mag ja sehr den Satz: „Wer mich verletzen kann, entscheide ich selber.“

Nichts ist so leicht, wie Kritik zu üben. An sich selber und vor allem an anderen. Einen falschen Ton erkennen kann jeder Dödel. Die Leistung zu würdigen, die hinter den richtig gelungenen, schönen Klängen steckt, dafür braucht es weit mehr.

Selbstkritik steht hoch im Kurs – Eigenlob dagegen stinkt.


Singen ist klingender Atem, und unser Atem spiegelt unsere Emotionen wider.

Kein Wunder also, dass wir bei all den kritischen Gedanken, die wir uns selbst über uns zumuten, den Atem nicht frei fließen lassen können – was nun mal aber die wichtigste Voraussetzung für eine klangvolle Stimme ist.


Was hilft?

Was müsstest Du denken, um ganz unbeschwert loszulegen?

Liebevolle Selbstakzeptanz ist eine wesentliche Voraussetzung für Erfolg beim Singen und öffentlichen Sprechen.

Wie das geht? Stell Dir einfach vor, Du wärest eine liebe Freundin oder ein guter Freund, der Dir am Herzen liegt. Wie würdest Du ihn ermutigen, einfach loszusingen? Was würdest Du zu ihr sagen?

Es kann auch helfen, sich selber nicht so sehr zuzuhören beim Singen.

Wenn wir einen gesungenen Ton hören können, ist es ohnehin zu spät, ihn noch zu verändern. Lass ihn fröhlich davonfliegen wie einen Schmetterling. Wende Deine Aufmerksamkeit auf die Lust am Singen, auf die Freude, dabei Deinen Körper zu spüren.


Versuch auch mal, große Gesten zu machen, die Deinen Ausdruck unterstützen. So legst Du eine gute Grundlage für die Töne, die kommen. Das ist hilfreicher, als über die schon gesungenen nachzudenken und sie zu be(ver)urteilen.


Vorbilder schlau nutzen

In Dir ist noch immer alles voller Zweifel, ob Du das kannst, das „Loslassen“, das „Dich-Trauen“, das „Einfach-mutig-Sein“? Dann habe ich hier noch den ultimativen Tipp aus dem Wingwave-Coaching:

Such Dir ein Vorbild: Eine Person, die genau diese Eigenschaft hat, die sich „einfach so traut“ oder „ein Ei drauf pellt, was die anderen denken“, die „ihr Ding macht“ – oder wie Du es ausdrücken würdest. Bestimmt gibt es so jemanden. Vielleicht ist es ein Prominenter? Und dann überleg mal, was „Wonderwoman“ in Deiner Situation tun würde.

Wie wäre es, an Deiner Stelle durch ihre Augen zu schauen, mit ihren Ohren zu hören – und wie würde sie sich dabei fühlen? Wie sich bewegen, was denken, was zu sich selber sagen? Versuch, diese Informationen in Dich und in Dein Handlungsrepertoire aufzunehmen.


Wenn Dich also beim Lautwerden mal wieder der Mut verlässt: Macht nichts, gehste eben alleine weiter!

Oder fragst mich nach weiteren Tipps...

Wer’s nicht kann, soll weiterüben.

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