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  • Miriam

1,5 m Abstand! Am besten auch zu Deiner persönlichen Krise.

Aktualisiert: Okt 20

Was Dir in Deiner Krise hilft? Abstand. Und ein schönes, langes, stabiles Seil.

Kopfkino aus...! Es geht um eine Coaching-Methode.

Als Musiker*innen (naja, eigentlich gilt das für alle Menschen) kennen wir Krisenzeiten: Stimmkrisen, Sinnkrisen, Technikkrisen, Beziehungskrisen, Prüfungsvorbereitungskrisen, Ich-hab’s-vermasselt-Krisen, Kein-Schwein-ruft-mehr-an-Krisen, Wie-soll-es-nur-weitergehen-Krisen...

Allen gemeinsam ist, dass Du Dich schlecht fühlst, Angst hast, Dich hilflos fühlst oder orientierungslos bist. In solchen Momenten hilft es, eine andere Perspektive einzunehmen, die eigene Situation zu visualisieren und sich so ein Bild von außen auf die Situation zu machen.

Das kann z.B. anhand des im folgenden geschilderten „Lebensflussmodells“* geschehen, das ich neben anderen Methoden mit meinen Klient*innen im Coaching verwende.





Das Lebensflussmodell

Flüsse sind eine häufig verwendete Metapher für Leben. Stell Dir vor, Dein Lebens-Fluss entspringt an einer Quelle und fließt durchs Land. Unterwegs passiert er mal enge, steinige Abschnitte, dann weite Passagen, strömt mal schnell und wild, mal ruhig und sanft dahin. Er macht Kurven und Schlenker, verläuft vielleicht zeitweise unter der Erde. Manchmal hat man den Eindruck, er kommt zum Stillstand, doch er bleibt in Bewegung.

Du selbst bist mittendrin in der Strömung dieses Flusses. Während einer Krise hast Du vielleicht das Gefühl, umher gewirbelt zu werden, die Orientierung zu verlieren und nicht zu wissen, wie die Stromschnellen zu bewältigen sind, die vor Dir liegen. Oder an einer engen Stelle festzustecken, ohne die blasseste Ahnung, wie Du darüber hinwegkommen oder einen Blick auf den nächsten Abschnitt erhaschen kannst.

Hier kommt das schöne, lange, stabile Seil ins Spiel. Es dient als Bild für Deinen Lebensfluss. Mit Hilfe des Seils (es darf einige Meter lang sein), das Du vor Dir auf dem Boden auslegst, kannst Du den gewünschten Perspektivwechsel, den Blick von außen auf Deine Situation erreichen. Aus sicherem Abstand (an die 1,5m haben wir uns ja schon gewöhnt!) gelingt Dir der Blick von außen.

Überleg Dir zuerst: Welcher Teil des Seils symbolisiert Vergangenheit und welcher Zukunft? Und wo ist die Gegenwart, Deine gegenwärtige Krise? Forme diese Krise als Kurve im Seil.

Wenn Du jetzt neben Deinem Lebensfluss stehst, bekommst Du einen neuen Blick auf Dein Leben. Du kannst wie ein Vogel darüber fliegen oder es wie von einem hohen Berggipfel aus betrachten. Du siehst all das, was es schon Schönes in Deinem Leben gab, was Du erreicht hast und die Krisen, die Du schon bewältigen konntest. Und Du siehst, dass die gegenwärtige, schwierige Zeit nur ein Teilstück von diesem langen Fluss ist. Es gibt ein Davor und ein Danach. Welche positiven Erfahrungen aus der Vergangenheit können Dir helfen, dorthin zu kommen, wo der Fluss wieder ruhig und kraftvoll durch die Zukunft gleitet?

Die meisten meiner Klient*innen spüren schon in diesem Moment, durch diesen Perspektivwechsel eine gewisse Erleichterung. Fühl in Dich hinein, welche Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen Du hast und welche Szenarien und Lösungsbilder auftauchen.


Innenperspektive

Als nächstes such Dir einen Gegenstand (es kann auch ein Zettelchen sein), das den Zeitpunkt Jetzt am Seil markiert. Leg ihn an die passende Stelle an Deinem Lebensfluss, also an einer Stelle an der Kurve. Mit einem weiteren Gegenstand bezeichnest Du einen Punkt am Seil, der den Zeitpunkt des Geschafft anzeigt. An welcher Stelle, zu welchem Zeitpunkt hast Du es geschafft, Dein Problem zu lösen?

Geh nun in ganz kleinen Schritten am Seil entlang vom Jetzt- zum Geschafft-Punkt. Wie ist es, dort anzukommen? Nimm Dir Zeit und spür in Dich hinein: Welche Bilder hast Du vor Augen, wenn Du es geschafft hast? Was siehst und hörst Du dann? Sagst Du selber etwas zu Dir? Oder jemand anders? Wie fühlst Du Dich?

Den nächsten Punkt, für den Du an das Seil ein Symbol legst, nennen wir Futur II. Du hast das sicher schon einmal erlebt: Eine Krise ist sehr lange vorbei, und Du kannst sie mit zeitlichem Abstand ruhig und entspannt betrachten. Einen solchen Zeitpunkt wird es irgendwann auch in Bezug auf die Gegenwart geben.

Geh nun weiter an Deinem Lebensfluss entlang in Richtung Zukunft zu diesem Punkt Futur II.

Wenn Du dort angekommen bist, nimm Dir wieder etwas Zeit, um alles in Ruhe wahrzunehmen. Wie ist es hier? Und wie ist es, vom Futur II aus zurück aufs Jetzt zu blicken? Gibt es etwas, das Du aus dieser Situation heraus Deinem jüngeren Ich, das gerade das Jetzt erlebt, mitteilen oder raten möchtest? Welche Botschaft könntest und möchtest Du ihm/ihr senden?

Mit dieser Botschaft aus der Zukunft kannst Du zurück ins Jetzt gehen und fühlen, wie sie dort auf Dich wirkt. Fühlt es sich auf diese Weise anders an als zu Beginn?

Überleg Dir als nächstes, welches vom Jetzt aus gesehen der bedeutsamste Schritt auf dem Weg zum Geschafft ist. Du hast bereits erlebt, dass Du die gegenwärtige Herausforderung bewältigen kannst. Geh den Weg vom Jetzt bis zum Geschafft ruhig einige Male ab, achte auf jeden einzelnen Schritt.

Welches ist der wichtigste für Dich? Was siehst Du an dieser Stelle vor Deinem inneren Auge? Was gibt Dir die Kraft, diesen Schritt zu gehen, was oder wer kann Dich dabei unterstützen? Gibt es einen zusätzlichen Schritt, der vor dem bedeutsamsten notwendig ist? Dann markiere auch diesen ersten Schritt.

Du kannst alle Wege, die Du entlang Deines Lebensflusses gemacht hast, noch einmal oder auch mehrmals gehen und Deinen Erlebnissen nachspüren. Nimm Dir Zeit, die Gefühle wahrzunehmen, die beim Geschafft und Futur II auftauchen.


Außenperspektive

Um noch einmal in die Außen-Perspektive zu wechseln, entferne Dich nun ein Stück von Deinem Lebensfluss. Wirf einen erneuten Blick von oben auf den Fluss und nimm Dir auch dafür Zeit. Vielleicht möchtest Du aufschreiben, was Du auf Deiner Reise erlebt hast, um festzuhalten, was Du gefühlt und erfahren hast. Wie war das alles für Dich? Wie haben sich Deine Empfindungen in Bezug auf die gegenwärtige Krise verändert?

Soviel zur Erklärung, wie ein schönes, stabiles Seil den Ausweg aus einer Krise weisen kann. In der gemeinsamen Arbeit mit Klient*innen beziehe ich noch andere Aspekte des Lebensflussmodells mit ein. Besonders wichtig ist z.B. die Suche nach Ressourcen, die dabei helfen, die Krise zu überwinden.

Zu zweit ist es leichter, eine solche Übung durchzuführen, weil Du dann Unterstützung während des Prozesses bekommst und Dir jemand helfen kann, Deine Gedanken und Gefühle einzuordnen.

Wenn Du Fragen hast oder gerne mit mir gemeinsam nach einer neuen Perspektive in einer festgefahrenen Situation suchen möchtest, dann melde Dich gerne für ein unverbindliches Gespräch zum Kennenlernen.

*Das „Lebensflussmodell“ wurde vom Familientherapeuten Peter Nemetschek zwischen 1980 und 1990 entwickelt. Als Lektüre empfehle ich das Buch „Einführung in das Lebensflussmodell“ von Astrid Keweloh, Carl-Auer-Verlag.

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